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Erlernte Hilflosigkeit: Ich kann sowieso nichts daran ändern… oder doch?

10. März 2017 – von

Die letzten Wochen war es sehr ruhig auf meinem Blog.

Auch wenn ich mir ursprünglich vorgenommen hatte, einmal pro Woche einen Blogbeitrag zu schreiben, habe ich diese von mir selbst aufgestellte „Regel“ bewusst gebrochen. Denn ich habe die Zeit einfach gebraucht, um mich voll auf meine Abschlussprüfung zum „Psychologischen Berater“ zu konzentrieren und danach ein paar Tage neue Energie im Skiurlaub zu tanken.

Die vergangenen Wochen habe ich mich also mal wieder sehr intensiv mit meinem Lieblingsthema Psychologie auseinandergesetzt und schreibe heute endlich den schon ewig geplanten Beitrag über ein mich immer wieder faszinierendes psychologisches Konzept: Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit von Martin Seligman, US-amerikanischer Psychologe und einer der Väter der Positiven Psychologie.

Mit seiner Theorie der erlernten Hilflosigkeit entwickelte Seligman ein Konzept zum genaueren Verständnis der Depression und brachte durch seine Forschungen entscheidende Fortschritte in der Behandlung depressiver Menschen. Dazu aber später mehr …

Die Experimente Seligmans zur erlernten Hilflosigkeit

Die amerikanischen Psychologen und Forscher Martin Seligman und Steven Maier führten 1967* verschiedene Versuche mit Hunden und anderen Tieren durch und prägten somit den Begriff der erlernten Hilflosigkeit.

Das klassische Experiment zur erlernten Hilflosigkeit lief in zwei Phasen ab.

Phase 1:

Eine Gruppe von Hunden wurde kurzen elektrischen Schocks ausgesetzt, welche sie durch bestimmte Reaktion verhindern konnten. Sie konnten den Elektroschocks entkommen, indem sie lernten, einen Schalter bzw. Hebel zu drücken. Die Hunde lernten relativ schnell, durch Fluchtverhalten der Situation zu entkommen.

Eine zweite Gruppe von Hunden erhielten die gleichen Schocks, konnten im Gegensatz zu der anderen Gruppe aber nichts gegen die aversiven Reize unternehmen. Ihr Verhalten hatte keinerlei Auswirkungen und egal was sie taten, die Schocks blieben.

Phase 2:

In der zweiten Versuchsphase wurden die Hunde in einer sogenannten Shuttle-Box (Pendelkäfig) untergebracht. Eine Shuttle-Box besteht aus zwei identischen Boxen, die über eine Öffnung miteinander verbunden sind. Ein Ton meldete nun den Beginn der Elektroschocks.

Die Versuchstiere der ersten Gruppe, welche in Phase 1 gelernt hatten mit ihrem Verhalten dem aversiven Reiz zu entkommen, lernten sehr schnell, beim Erklingen des Tones in die andere Box zu wechseln und so dem Schock zu entgehen. Mit der Zeit lernten sie sogar die Schocks durch einen vorzeitigen Wechsel der Boxen gänzlich zu vermeiden.

Die zweite Gruppe jedoch, die in Phase 1 gelernte hatte, dass ihre Handlungen zwecklos waren, schaffte das nur selten. Stattdessen blieben die Hunde dieser Gruppe oft lethargisch in einer Box liegen und ließen die Schocks passiv über sich ergehen. Sie hatten infolge der früheren Erfahrung von nicht-kontingenten unkontrollierbaren Schocks gelernt, hilflos zu sein und aufzugeben.

Auch wenn man über die Moral und Ethik dieser brutalen Tierversuche sicherlich diskutieren kann (was an dieser Stelle mal außen vor bleiben soll), zeigen sie doch recht deutlich, was die Forscher unter erlernter Hilflosigkeit verstehen.

Erlernte Hilflosigkeit übertragen auf den Menschen

Es stellt sich nun die Frage, inwieweit man die Erkenntnisse der Tierversuche auf den Menschen übertragen kann.

Seligman vermutet, dass für den Menschen ähnliches gilt: Macht ein Mensch die Erfahrung, dass er eine unangenehme Situation nicht durch sein eigenes Verhalten beeinflussen und kontrollieren kann und zwischen seinem Verhalten und den Ergebnissen dieses Verhaltens kein Zusammenhang besteht (non-kontingente Beziehung), kann dies in einem Zustand der erlernten Hilflosigkeit enden.

Insbesondere wenn die erlebte Non-Kontingenz weder im Nachhinein erklärt, noch auf bestimmte Situationen eingegrenzt und auch nicht durch kognitive Umstrukturierung bewältigt werden kann, erleben Menschen einen extremen Kontrollverlust bis hin zur erlernten Hilflosigkeit.

Erlernte Hilflosigkeit ist durch drei Arten von Defiziten gekennzeichnet:

  1. Motivationale Defizite: Herabsetzung der Motivation, überhaupt Beeinflussbarkeit auszuüben.
  2. Kognitive Defizite: Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeit, spätere tatsächlich bestehende Handlungs-Ergebnis-Kontingenzen zu erlernen, d.h. wenig Lernerfolg in neuen Situationen.
  3. Emotionale Defizite: Passivität, Lustlosigkeit, Angst, Apathie und Stress, die bei stetiger Unbeeinflussbarkeit in Depression übergehen kann.

Depression als Folge der erlernten Hilflosigkeit?

Die oben genannten motivationalen, kognitiven und emotionalen Defizite haben starke Parallelen zur psychischen Erkrankung der Depression. Man vermutete anfangs daher, dass eine Depression die Folge von erlernter Hilflosigkeit sein könnte.

Abramson et. al. zeigten in ihren Studien** jedoch, dass Hilflosigkeit nicht automatisch zur Depression führt. Vielmehr machten sie den Attributionsstil (Ursachenzuschreibung) des Individuums dafür verantwortlich, ob Kontrolle oder Kontrollverlust in der jeweiligen Situation erlebt wird.

Im Gegensatz zu Tieren, geht man bei Menschen davon aus, dass sie sich bei unangenehmen Erlebnissen die Frage nach der Ursache stellen. Ein depressiver Zustand hängt demnach stark damit zusammen, wie Menschen Ereignisse in ihrem Leben erklären.

Mit der Reformulierung der Theorie der erlernten Hilflosigkeit kamen Abramson et al. zu dem Schluss, dass Menschen nur dann depressiv werden können, wenn diese ein Attributionsmuster von Unkontrollierbarkeit aufweisen.

Das ursprünglich vor allem lerntheoretische Konzept wurde damit um eine attributionstheoretische Erklärung erweitert.

Grundsätzlich lässt sich der Attributionsstil eines Menschen auf drei Dimensionen erfassen:

1. Ort der Ursache:

  • Internal > d.h. die Ursachen liegen innerhalb einer Person (Persönlichkeit, Einstellungen, Dispositionen, etc.)
  • External > die Ursachen liegen in den äußeren Umständen einer Situation

2. Stabilität eines Grundes:

  • Stabil > über die Zeit hinweg konsistent
  • Instabil > über die Zeit hinweg variabel

3. Globalität:

  • Global > in einer Vielzahl von Situationen wirksam
  • Spezifisch > nur für eine aktuelle, ganz bestimmte Situation gültig

Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit geht davon aus, dass vor allem Menschen, die Misserfolge internal, stabil und global attribuieren, anfällig für Depressionen sind. Sie haben einen pessimistischen Attributionsstil und

  1. sehen in sich selbst das Problem (internale Attribution),
  2. empfinden das Problem als unveränderlich und nicht vorübergehend (stabile Attribution) und
  3. generalisieren das Problem und grenzen es nicht auf bestimmte Situationen ein (globale Attribution).

Ein Student, der durch eine Prüfung durchgefallen ist, würde nach diesem Attributionsmuster z.B. denken: „Ich bin unfähig, Prüfungen zu bestehen“ oder „Ich bin zu dumm für ein Studium“.

Dass also Menschen, die eine Neigung haben, Ereignisse internen, stabilen und globalen Attributionen zuzuschreiben, stärker gefährdet sind eine Depression zu entwickeln, erscheint demnach nicht verwunderlich.

Vorsorge und Prävention der erlernten Hilflosigkeit

Als Vorsorgemaßnahme und Prävention bzw. in der Behandlung und Therapie von erlernter Hilflosigkeit geht es vor allem darum, depressionsförderliche Attributionsmuster zu erkennen und zu verändern.

Je stärker die Zuschreibung (Attribution) auf externe, spezifische und instabile Faktoren, desto geringer ist das Risiko einer Depression.

Wenn Menschen erst einmal in die negativen Affekte einer Depression geraten, machen es die dadurch entstandenen kognitiven Defizite (siehe oben) schwieriger für sie, diesen Affekten zu entkommen. Es lohnt sich also hier wirklich präventiv an sich zu arbeiten.

Ziel sollte sein, aus der passiven „Opferrolle“ herauszukommen und wieder zu lernen, Kontrolle über und Verantwortung für sein Leben zu haben sowie Probleme selbstständig bewältigen zu können.

Als therapeutische Intervention kann ein konsequentes Attributionstraining dabei helfen.

Sicherlich gelingt es nicht von heute auf morgen, ein über die Jahre aufgebautes Attributionsmuster zu verändern. Aber es lohnt sich, einen ersten Schritt zu machen.

Vielleicht achtest du die kommenden Wochen einfach mal darauf, wie du im Alltag die Dinge attribuierst.

Warum ich mich mit erlernter Hilflosigkeit beschäftige?

Auch ich ertappe mich immer mal wieder dabei, in meinen eigenen Glaubenssystemen festzustecken. Ich denke dann, dass ich irgendetwas nicht kann, für Dinge nicht gut genug bin, etwas nicht beeinflussen kann und schränke mein Verhaltensrepertoire dadurch ein.

Da mir persönliche Weiterentwicklung sehr am Herzen liegt und es mein Lebensziel ist, mein volles Potenzial zu entfalten, versuche ich immer wieder solche Glaubenssätze und Fehlattributionen zu erkennen und an mir zu arbeiten.

Manchmal sind es nur Kleinigkeiten des Alltags, über die man sich aber erst einmal bewusst werden muss.

Beispiele hierfür können sein:

  • „Ich habe keine Orientierung. Ich finde nie den Weg, deshalb überlasse ich dies lieber anderen.“
  • „Ich bin kein guter Autofahrer. Besonders auf Langstrecken und im Ausland bleibe ich daher lieber Beifahrer.“
  • „Ich hasse Papierkram. Die Verantwortung für Versicherungen, Steuer und Finanzen überlasse ich daher gänzlich meinem Partner.“
  • „Ich habe zwei linke Hände. Handwerkliche Tätigkeiten muss jemand anderes für mich übernehmen.“
  • „Ich kann nicht kochen. Das kann mein Partner einfach viel besser und daher versuche ich es gar nicht erst.“
  • „In den Keller gehe ich nicht alleine. Ich habe Angst vor Spinnen.“
  • „Ich bin technisch nicht begabt, daher kann ich nicht bloggen.“
  • „Das können wir doch nicht anders machen, denn das war schon immer so.“

Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen Punkt so oder so ähnlich wieder?

Ich gebe zu, dass ich mich manchmal dabei erwische, z.B. lieber meinen Mann bei langen Autostrecken fahren zu lassen oder im Ausland bei Linksverkehr nicht unbedingt das Steuer an mich zu reißen.

Doch gerade dann versuche ich immer mehr, mich an die „erlernte Hilflosigkeit“ zu erinnern und bewusst an mir zu arbeiten, mir nicht alle unangenehmen Dinge abnehmen zu lassen und aus der Passivität und Selbstbeschränkung herauszukommen.

Auch als Orientierungsmeister würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen. Und trotzdem merke ich, wie gut es mir tut, mich z.B. in einer neuen Stadt selbst zu orientieren, Erfolgserlebnisse zu sammeln und dadurch Selbstvertrauen zu gewinnen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Andere (insofern man nicht alleine unterwegs ist) einem auch ermöglicht, diese Erfahrung zu machen und nicht immer den Weg vorgibt.

Aus diesem Grund bin ich persönlich auch kein großer Fan von Gurus, Meistern und zu starken Vorbildern. Ich lasse mich immer gerne von Menschen auf unterschiedliche Art und Weise inspirieren, aber wichtig ist es am Ende keine Abhängigkeiten zu entwickeln, sich nicht zu sehr an anderen zu orientieren und seinen eigenen Weg zu gehen.

Ursprünglich aus der Wirtschaft kommend, ist mir in verschiedenen Unternehmen auch immer mal wieder das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit begegnet. Durch die Haltung „das haben wir schon immer so gemacht“ oder „das war schon immer so“ wird die Verantwortung im Unternehmenskontext ebenso wie im privaten Bereich beiseite geschoben. Weiterentwicklung und Fortschritt sind dann nur schwer möglich.

Ich halte es für sehr wichtig, dass der Glaube, nichts ändern zu können, sich nicht so sehr verfestigt, dass man am Ende gar keine Veränderung und Weiterentwicklung mehr zulässt und in der Opferrolle gefangen bleibt.

Wieso du Verantwortung für dich selbst übernehmen solltest

Natürlich heißt das jetzt nicht, dass du für alles und jeden Verantwortung übernehmen musst. Sicherlich hat jeder seine Stärken und Schwächen und es macht durchaus an manchen Stellen und in gewissen Situationen Sinn, Aufgaben abzugeben.

Wichtig ist nur zu differenzieren, ob du eine Aufgabe jemand anderem überlässt, weil dies wirklich sinnvoll und angebracht ist oder ob du diese vielleicht nur aus extremer Faulheit, Angst und vielleicht sogar (erlernter) Hilflosigkeit abgibst.

Für das Selbstwertgefühl ist Selbstverantwortung unglaublich wichtig und ich kann aus eigener Erfahrung wirklich sagen: Es macht unglaublich stolz, wenn man etwas lange Zeit nicht konnte bzw. glaubte nicht zu können und es dann durch Beharrlichkeit, Mut und Kreativität erreicht und man seine erlernten Denk- und Verhaltensmuster durchbricht.

Sicher kann man nicht alles verändern und man sollte auch seine Grenzen einschätzen können, aber oftmals ist eben weit mehr möglich, als man selbst zunächst glaubt.

Bleib gesund

Louisa

 

* Seligman, M. E. P./Maier, S. F.: Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74, 1867, S. 1-9.

** Abramson, L. Y./Seligman, M. E. P./Teasdale, J. D.: Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology, 87, 1978, S. 49-74.

 

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3 Kommentare

  • antworten ERes 13. März 2017 at 12:25

    Liebe Louisa,
    Du hast eine sehr schöne Übersicht zum Thema erlernte Hilflosigkeit geschrieben. Ich stimme Dir zu, dass man sich nicht davon entmutigen lassen sollte, wenn man etwas nicht kann; je mehr man etwas durchführt, umso besser wird man.
    Allerdings finde ich es auch wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen; niemand kann Alles und wenn man sich besser fühlt, eine Aufgabe durch jemanden anderen ausführen zu lassen, dann sollte man dies auch tun.
    Aus diesem Grund ist es für jeden von uns wichtig, genau zu hinterfragen, wie belastend bestimmte Situationen wahrgenommen werden.
    Es besteht ein klarer Unterschied zwischen
    -ich fühle mich hilflos, etwas nicht zu können
    und
    – es geht mir besser, wenn ich bestimmte Aufgaben abgebe – denn ich kann andere (!).

    • Louisa
      antworten Louisa 14. März 2017 at 10:47

      Vielen Dank :-)! Da stimme ich dir voll und ganz zu. Es ist wichtig, seine Grenzen zu kennen und wie im letzten Abschnitt geschrieben, macht es durchaus in gewissen Situationen Sinn, Aufgaben abzugeben. Ich halte es lediglich für wichtig zu reflektieren, ob man jemand anderem eine Aufgabe überlässt, weil dies wirklich sinnvoll und angebracht ist oder ob diese vielleicht aus Angst und vielleicht sogar (erlernter) Hilflosigkeit abgegeben wird.
      Manchmal ist das gar nicht so leicht zu differenzieren …
      Alles Liebe
      Louisa

  • antworten Bigi, your Bigsize Coach 14. März 2017 at 8:33

    Danke für diese strukturierte und schon recht wissenschaftliche Arbeit. Das hilft super gut die MindSet Arbeit zu erklären, unterstützen und fördern. Da ist soviel mehr möglich.
    Ich bin der Meinung, dass wir in erster Linie lernen drüfen DREAM BIG!
    Und wenn uns das stresst, erkennen, wir sind schon wieder im Kopf, wir sind schon wieder in unseren Einschränkungen.
    Dann ist halt die Zeit noch nicht reif, dann helfen Zwischensteps.
    Wenn uns ein grosser Gedanke zu gross vorkommt sollen wir das total ohne werten anerkennen. Es ist so wie es ist. Friede damit :-).
    Und dann mal schauen, wir gross es am nächsten Tag sein darf <3

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